Wir müssen reden. Über Ehrgeiz. Und darüber, wann er kippt. Ich sehe es ständig: Junge Hunde, die mit 12 Monaten schon Programme laufen müssen, für die sie weder körperlich noch im Kopf bereit sind. Oder ältere Hunde, die nach einer Verletzung sofort wieder auf 100% geprügelt werden.
Das ist kein Training. Das ist Verschleiß.
Der „Wunderkind“-Komplex
Jeder will den krassen Malinois, den Überflieger-Schäferhund, der am besten mit 12 Monaten die IGP 1 laufen muss, als wäre es nichts. Social Media ist voll davon. 30-Sekunden-Clips von Hunden, die „perfekt“ funktionieren. Was ihr nicht seht: Wie viele dieser Hunde sind mit 4 Jahren platt? Wie viele sind im Kopf völlig drüber, weil sie nie gelernt haben, mal abzuschalten?
Wir muten unseren Hunden oft viel zu viel zu, weil wir glänzen wollen. Wir verwechseln unsere sportlichen Ziele mit den Fähigkeiten des Hundes.
Training heißt Aufbau, nicht Abbau
Ein Hund ist keine Maschine, die man einfach härter rannehmen kann, wenn man schneller ans Ziel will. Muskeln brauchen Zeit zum Wachsen. Sehnen und Bänder brauchen noch viel länger, um sich an Belastungen anzupassen. Und das Gehirn? Das braucht Pausen, um zu verarbeiten.
Wenn ich Hera jetzt nach 5 Jahren Pause wieder aufbaue, dann mache ich das mit der Handbremse. Ich könnte sicher schneller vorwärts gehen. Ich könnte mehr Druck machen. Aber wozu? Damit ich in vier Wochen ein cooles Video habe und in acht Wochen einen Hund der kein Bock mehr hat?
Lernt, den Hund zu lesen
Überforderung sieht nicht immer so aus, dass der Hund streikt. Oft ist es genau das Gegenteil: Der Hund wird hektisch. Er wird laut. Er fängt an zu knautschen, wird unsauber, überdreht völlig. Viele denken dann: „Boah, der hat Trieb!“ Nein. Der hat Stress. Der weiß nicht mehr, wo oben und unten ist, weil ihr ihn mental an die Wand gefahren habt.
Weniger ist oft mehr
Habt den Mut, eine Einheit nach 5 Minuten zu beenden, wenn es gut war. Habt den Mut, mal drei Tage nicht auf den Platz zu gehen, wenn der Hund platt wirkt. Ein guter Hundeführer erkennt die Grenze bevor der Hund sie überschreitet.
Hundesport ist ein Marathon, kein Sprint. Wer zu schnell losrennt, kommt meistens nicht ins Ziel. Also: Gang rausnehmen, Hirn einschalten, fair bleiben.